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rbbonline | Bilderbuch


Die Neumark ist eine historische Region. Sie beginnt gleich hinter der Oder, im heutigen Polen. Ein Fluss, der ehemals mitten in Deutschland lag. Das Land hinter dem Fluss nannte man seit dem 14. Jahrhundert in Abgrenzung zur Mittel-, Alt- und Uckermark: Die Neumark.
Dort wo die Warthe in die Oder fließt ist die südliche Begrenzung der historischen Neumark. Die Region wird von drei Flüssen geprägt: Der Oder, der Warthe und der Drawe, die im Osten die natürliche Grenze bildet.
Küstrin / Kosztryn
Die polnische Grenzstadt am Zusammenfluss von Oder und Warthe ist voller Kontraste und eine Entdeckungsreise wert. Doch die deutschen Besucher kommen meist nicht weiter als bis zum "Polenmarkt", der sich vollkommen auf die nachbarschaftliche Kundschaft eingestellt hat.
Für wenig Geld gibt es hier alles, was das Herz begehrt und die osteuropäischen und asiatischen Märkte hergeben. Doch Kosztryn hat mehr zu bieten!
Kosztryn zeigt noch heute Spuren seines preußischen Erbes, in der zerstörten Festung. Vor dem Krieg war die Festung Küstrin eine kleine Stadt für sich, mit Schloss, Kirche und Marktplatz. Umgeben von meterdicken Mauern war Küstrin eine der wichtigsten Festungsanlagen Deutschlands.
Im Januar 1945 befohlen die Nationalsozialisten einen verbissenen Verteidigungskampf im Zuge dessen die Rote Armee die gesamte Festung zerstörte. Später wurden die Ruinen abgetragen und der heutige Besucher sieht nur noch ein paar Pflasterwege, Mauerreste, die sich die Natur längst zurückerobert hat. Doch man läuft zwischen den Überresten einer einst florierenden Stadt, die von manchen als das "Pompeji des Ostens" bezeichnet wird.
Gorzów
Gorzów Wielkopolski, früher Landsberg an der Warthe, ist die größte Stadt der Neumark und feierte bereits sein 750-jähriges Jubiläum. Ein Besuch lohnt sich. Das Wahrzeichen und zugleich der Orientierungspunkt für Besucher ist die Marienkirche mit ihrem dreiteiligen Renaissancealtar.
Beeindruckend sind auch die Mittelalterlichen Wehrmauern der Stadt. Der am linken Wartheufer gelegene Getreidespeicher (heute Museum und Galerie) ist ebenfalls sehr beeindruckend.
Eine Sehenswürdigkeit neueren Datums ist die Friedensglocke, die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg/Warthe und der Stadt gestiftet wurde. Sie soll die Versöhnung zwischen den ehemaligen Bewohnern der Stadt, den Deutschen und den heutigen, den Polen, versinnbildlichen.
Mit Ausflugsschiffen kann man den Blick auf die Stadt vom Wasser aus genießen. Bemerkenswert ist der älteste mobile Flusseisbrecher der Welt: die "Kuna", mit ihrer langen und bewegenden Geschichte. Sie kann auch zu Rundfahrten gebucht werden.
Trzcińsko Zdrój
Ein sehr reizvolles Städtchen - mit einem für deutsche Zungen schwer auszusprechenden Namen - ist Trzcińsko Zdrój. Das ehemalige Bad Schönfließ war das einzige Kurbad der Neumark. Um 1907 bekam es den Titel wegen seines mineralhaltigen Moores verliehen, dessen heilende Wirkung Gäste selbst aus Berlin anlockte.
Der Badebetrieb wurde während des II. Weltkriegs schließlich aufgegeben. Doch die landschaftlichen Reize dieser urwüchsigen Gegend, mit Mooren, Fließen und Sümpfen, die Wassersportmöglichkeiten auf den vielen Seen und der mittelalterliche Charme des Städtchens machen Trzcińsko Zdrój zu einem Geheimtipp für Kulturtouristen und Wasserwanderern. Ein Urlaubsparadies, das keine Autostunde von der Grenze entfernt liegt.
Wegweiserpark in Wittnica
Ein ganz besonderes Naturerlebnis hat man in Wittnica, einer kleinen Stadt nahe Górzow. Zbigniew Czarnuch, ein ehemaliger Geschichtslehrer, hat den Stadtpark von Wittnica zu einem Freiluftmuseum umgestalten lassen. Themen sind unter anderem alte Wegweiser und Grenzsteine – die "Kultur des Weges".
Alte Mühlensteine und Dampfmaschinenteile gehören zu den Meilensteinen der Zivilisation. Im "Raum der Fantasie" finden sich Metallplastiken.
Der Park ist nicht nur ein Museum, sondern auch ein zentraler Ort im Alltagsleben der Bewohner Wittnicas. Geschichtsvermittlung in einem Stadtpark – ein besonderes Erlebnis!
Saurierpark in Nowini Wielkie
Der Saurierpark von Nowiny Wielkie (nahe Wittnica) bietet die Giganten der Urzeit - aus Kunststoff. n seinen Werkstätten baut Krysztof Kuchnio die Saurier originalgetreu und detailgenau nach. Sein Handwerk hat er in einem deutschen Erlebnispark gelernt und die touristische Geschäftsidee dann mit nach Hause genommen.
Die weitläufige Anlage in denen man die Dinos so naturgetreu wie möglich entdecken kann, ist Anziehungspunkt für viele Besucher und besonders für Kinder ein außergewöhnliches Erlebnis.
Ökostrom und Kanufahrt
Was die Neumark ausmacht und zusammenhält, sind ihre Flüsse. Die Drawa ist nur auf den ersten Blick ein kleines, schläfriges Flüsschen: Auf rund 200 Kilometer hat sie ein Gefälle von 200 Metern. Durch künstliche Staustufen wollte man schon früh diese Kraft des Wassers nutzbar machen.
Das Wasserkraftwerk Kamienna ging bereits vor über einhundert Jahren in Betrieb und versorgte damals etwa 30 Ortschaften mit Strom. Im Werk drehen sich immer noch die alten Turbinen von 1896.
Sie wurden von der AEG extra für dieses Kraftwerk konzipiert, da für das geringe Gefälle eine Spezialanfertigung notwendig war. Die Turbinen standen außer zur Wartung niemals still und der von ihnen erzeugte Strom wird immer noch ins polnische Netz eingespeist - Ökostrom aus Kaisers Zeiten.
Auf der Drawa können Kanutouren unternommen werden, die allerdings einiges Geschick erfordern.
"Haltestelle Woodstock"
Das heutige Kosztryn ist ein Wallfahrtsort für die junge Generation. Seit über 10 Jahren findet dort eines der größten Hippie-Festivals Europas statt. Hunderttausende Besucher aus Polen, Deutschland und dem Rest der Welt feiern die "Haltestelle Woodstock".
Organisator ist der Radio-DJ Jerzy Owsiak. Er ist in Polen ein Superstar, dessen Popularität höchstens noch mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. zu vergleichen wäre. Mit dem Festival bedankt sich Owsiak bei den Spendern die seine Stiftung, mit der er jedes Jahr Millionen Dollar für polnische Kinder sammelt, unterstützen.
Die Neumark ist eine alte Region, eine Region mit Geschichte und Geschichten, die aus den Gedanken der meisten Deutschen schon lange verschwunden sind. Doch sie ist auch eine Region am Puls der Zeit und setzt Zeichen für die Kreativität, die aus dem Zusammenleben und dem Kontakt zwischen verschiedenen Kulturen entstehen kann.
Film von Lutz Rentner und Frank Otto Sperlich
(Erstsendung: 03.10.07/ARD 1.)
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