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rbbonline | Die rbb Reporter

Sie lieben Berlin, und sie kommen aus der ganzen Welt – immer mehr Touristen bestimmen das Stadtbild. Längst wollen sie nicht mehr nur das Brandenburger Tor oder den Reichstag besichtigen.
Es zieht sie dorthin, wo die Berliner leben. Vor allem die jungen Besucher wollen den Lifestyle der Stadt spüren. In Reiseführern oder im Internet steht inzwischen genau beschrieben, welche Viertel "echt Berlin" sind.
Die Berliner finden mancherorts keine Ruhe mehr
Eines der Viertel davon ist der Kreuzberger Wrangelkiez, direkt an der Grenze zum ehemaligen Ostbezirk Friedrichshain. Innerhalb kurzer Zeit ist aus dem Randgebiet ein Szeneviertel geworden. Neue Clubs, Bars und Restaurants haben eröffnet. In den Nächten ziehen Partypeople durch die Straßen, lachen, reden und trinken.
Für die Anwohner ist es oft einfach zu viel Lärm
Ein Rentnerpaar, das seit 40 Jahren im Kiez wohnt, blickt nun vom Balkon direkt auf einen Club – am Wochenende wird hier oft bis früh um drei gefeiert. Und am nächsten Tag liegen zerbrochene Flaschen und Kippen auf dem Gehweg. Auf dem Balkon können sie abends nicht mehr sitzen, sagen die beiden, Lärm und Dreck machen sie wütend.
Pro und Kontra des Tourismus-Booms in Berlin
Zum einen bringen die Touristen 9 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr nach Berlin und schaffen damit auch 230.000 Arbeitsplätze, zu anderen gibt es aber auch viele Anwohner, die sich mehr als gestört durch die touristischen Tag- und Nachtschwärmer und Partygänger fühlen, weil sie viel Unruhe und somit auch Lärm rund um die Uhr in die Wohngebiete bringen.
Highlight für Berlin-Besucher: Sightseeing "on Bike"
Stefan und Kai sind Fahrrad-Guides. Als "Berlin on Bike" vor sechs Jahren gegründet wurde, gehörten zum Fuhrpark in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg ganze 16 Fahrräder – heute sind es 400!
Pro Woche werden 40 geführte Touren mit dem Rad durch Berlin angeboten, die Nachfrage ist riesig. Vor allem Schulklassen aus ganz Europa finden diese Variante der Stadtentdeckung viel cooler als mit dem Bus oder zu Fuß.
Die 10. Klasse aus der Baden-Württembergischen Kleinstadt Deggingen ist erstaunt darüber, dass man eine Millionen-Metropole tatsächlich mit dem Fahrrad erobern kann. Und die oft nervösen Berliner Autofahrer sind vergleichsweise geduldig mit den vielen Reisegruppen auf den ohnehin schon vollen Straßen.
Der Tourismus schafft Jobs
Auch Simone hat einen der vielen Jobs in der Tourismusbranche. Sie begleitet mehrmals in der Woche so genannte "Pubcrawls", also Touristentouren durch Bars und Diskotheken.
Mit energischer Stimme lotst Simone an manchem Wochenende 50 trinkfreudige meist junge Menschen durch die Oranienburger Straße in Mitte.
Pubcrawls durch Berliner Bars und Kneipen
Sie kommen aus der ganzen Welt und werden bei jeder Station lustiger und auch lauter. Die Anwohner fühlen sich mitunter gestört, aber die Pubcrawl-Teilnehmer finden Berlin einfach nur toll.
In Berlin ist man tolerant, man darf auf offener Straße trinken, Schwule können unbehelligt Hand in Hand gehen und müssen sich nicht verstecken, und die Currywurst schmeckt "delicious" und ist "awesome". Tagsüber haben viele Teilnehmer auch schon eine Sightseeing-Tour mitgemacht.
Denn Simones Agentur bietet auch das an: Fahrten nach Sachsenhausen, Führungen zum Thema Kalter Krieg oder Radtouren zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Sorgen um ihren Job muss Simone sich nicht machen. Gute Guides mit Sprach- und Menschenkenntnis werden in Berlin gesucht.
Internationales Flair versus Touristenströme
Die Zahl der Berlin-Besucher steigt weiter. Von jetzt 20 Millionen Übernachtungen auf 30 Millionen bis 2018. Eine rasante Veränderung, die emotionale Debatten über die Nebenwirkungen auslöst.
Junge Berliner wie der 30-jährige Schauspieler Tobias Schenke mögen das kosmopolitische Flair und finden die Anziehungskraft ihrer Stadt einfach nur unglaublich cool.
Seit 10 Jahren lebt Schenke in Kreuzberg und genießt die Verwandlung seines Viertels: es gibt gleich mehrere gute Clubs direkt um die Ecke und alternatives Publikum aus der ganzen Welt.
Fazit: Internationales Feeling ja, aber bitte keine Ballermann-Stimmung wie auf der Oranienburger Straße!
Berlin braucht Touristen
Manche sehen das anders. Noch werden Aufkleber wie "Berlin doesn’t love you" von den meisten Berlin-Besuchern mit Humor genommen. Aber ein Image-Verlust stünde der Stadt vermutlich nicht gut zu Gesicht.
Film von Beate Boßdorf und Jana Göbel
VJ Christian Seewald
Kamera: Fayd Jungnickel, Christian Seewald
Schnitt: Anna-Mitsou Radtke, Christian Seewald
Redaktion: Manuela Jödicke, Gabriele Conrad
Produktionsleitung: Rainer Baumert, Bärbel Kreimes-Lück
Erstausstrahlung 15.06.2011/ rbb
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/doku/die_rbb_reporter1/beitraege/berlin__berlin___touristen.html