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Andreas Oehler (Foto: privat)

Interview

"Es hat richtig gekocht in der Masse"

Andreas Oehler ist heute Redakteur bei ARD.de. Am 15. Januar 1990 war er als Fernsehreporter des Rundfunks im amerikanischen Sektor (RIAS) bei der Stürmung der Stasi-Zentrale dabei. Es war für den gebürtigen Karlsruher der erste Arbeitstag als Praktikant. Im Interview mit rbb online erinnert er sich daran, wie die friedliche Demonstration plötzlich eskalierte.

rbb online: Herr Oehler, warum hat RIAS-TV 1990 einen Praktikanten zu einem so wichtigen Ereignis geschickt?

Oehler: Welches Ausmaß die Ereignisse des 15. Januar annehmen würden, war zu Beginn des Tages noch gar nicht klar. In der Redaktionskonferenz am Vormittag war noch die Rede von einer kleinen Demo vor der Stasi-Zentrale. Das ist eine kleinere Sache, da passiert nicht viel, hieß es. Deshalb wurde ich als Praktikant mit der Redakteurin dorthin geschickt.

Und als Sie dort ankamen, haben Sie den Schock Ihres Lebens bekommen?

Nein, es ging ja erst alles ganz friedlich los. Wir waren als eines der ersten Kamerateams dort, weil wir wegen der Kontrolle an den Grenzübergängen zeitig losgefahren waren. Als wir an der Stasi-Zentrale ankamen, haben wir erst mal in der Nähe einen Kaffee getrunken.

Doch so ruhig blieb es nicht.

Nein. Die Demonstration ging zwar sehr friedlich los, aber irgendwann kippte die Stimmung.

Warum?

Das weiß ich nicht. Die Stimmung schlug um wie aus dem Nichts. Auf einmal fingen junge Männer an, das Eingangstor hinaufzuklettern und dagegen zu schlagen. Aus einer harmlosen Schar von Demonstranten wurde eine wütende Menge. Es hat richtig gekocht in der Masse. Oben am Fenster sah ich Soldaten – und bekam Angst, dass sie möglicherweise in die Menge schießen würden. Ich schaute mich schon um, wo ich in Deckung gehen könnte.

Aber sie schossen nicht. Vielmehr ging das Tor auf einmal auf.

Ja. Wir wussten damals nicht genau, wie es dazu kam. Ich glaube aber, dass es von innen geöffnet wurde. Jedenfalls strömte die Masse nun hinein – und zwar nicht geradeaus zum Hauptgebäude, sondern ein Stück weiter nach links in den Versorgungstrakt. Meine Kollegen und ich liefen mit, schafften es aber nicht bis in den Versorgungstrakt. Dort war es einfach zu voll.

Erinnern Sie sich noch an Gespräche mit den Menschen dort?

Mir ist vor allem ein Stasi-Mitarbeiter in Erinnerung geblieben, der mir sein Herz ausschüttete. Er hatte Angst, weil er nicht wusste, was jetzt passieren würde.

Während die Masse draußen demonstrierte und später den Versorgungstrakt stürmte, wurde drinnen bereits über die Auflösung der Stasi verhandelt. Wussten Sie davon?

Nein, davon wusste ich nichts. Auch in der Redaktion war es nicht bekannt. Erst am nächsten Tag, als wir die Hintergründe recherchierten, erfuhren wir davon. Wir wurden dann von einem Bürgerkomitee durch die Zentrale geführt, das dort die Macht übernommen hatte.

Wenn Sie zwanzig Jahre später an den 15. Januar 1990 zurückdenken, was ist Ihnen davon am eindrücklichsten in Erinnerung?

Das unheimliche Erlebnis, dass eine friedliche Demonstration plötzlich in Wut und, was mich betrifft, Angst umschlagen kann.

Das Interview führte Fabian Wallmeier

Stand vom 15.01.2010

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 15.01.2010 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/stadt_land/dossiers/Stasi_im_Westen/interview_andreas.html

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