Sie sind hier:
rbbonline | Archiv

Sönke Wortmann ist einer der bekanntesten Filmregisseure Deutschlands. Jetzt inszeniert er ein Theaterstück, zum ersten Mal in Berlin. Eine Schulkomödie über Elternabende - und damit kennt er sich als dreifacher Vater vermutlich gut aus.
Nachsitzen muss er nicht. Sönke Wortmann ist einer der Klassenbesten unter Deutschlands Regisseuren. Wenn er jetzt nach Berlin gekommen ist, dann weil es ihn reizte, eine kleine, feine Aufgabe zu übernehmen - am Theater. Letztes Jahr flog ihm per Post ein Theaterstück ins Haus. Der Intendant des Grips-Theaters hatte es ihm auf gut Glück zugeschickt. Kein Kinderstück, eine Komödie für Erwachsene: über ehrgeizige Eltern, die zu einem Elternabend gehen, um dort die Klassenlehrerin loszuwerden.
Szene aus "Frau Müller muss weg"
"Zwei Tage haben wir an diesem Scheißkastanienmännchen gearbeitet. Weil Janine Angst hatte, dass Sie mal wieder enttäuscht sind. Leistungsbereitschaft. Fleiß. Frau Müller, das sind Kinder."
"Das ist die Realität. Wir wollen Sie nicht mehr. Aus die Maus."
Sönke Wortmann, Regisseur
"Ich habe es zunächst länger nicht gelesen und war innerlich schon vorbereitet zu sagen: Nee, keine Zeit oder so. Diese Ausreden eben, wenn man etwas nicht machen will. Dann hat es mich aber von Seite zwei so gepackt, und ich habe es auch nicht mehr aus der Hand gelegt. Es war so spannend, was da passiert, und es gibt ja auch immer wieder Wendungen."
Szene aus "Frau Müller muss weg"
"Und warum arbeitet sie nicht mehr mit? Weil Sie... Ruhe! Ich rede!"
Die Lehrerin geht zum Gegenangriff über. Genussvoll lässt Sönke Wortmann die Akteure aufeinander losgehen - er hat selbst drei Kinder, kennt die Grabenkämpfe, die heutzutage an Schulen ausgefochten werden.
Szene aus "Frau Müller muss weg"
"Der ist doch nicht hochbegabt. Das ist ein klarer Fall von ADS. Da können Sie gerne den Fachlehrer fragen. Ja, wir haben uns Zeit gelassen, damit er die Umstellung schafft. Aber das ist ein grundsätzliches Problem."
Sönke Wortmann
"Ich geh schon zu Elternabenden. Bei meiner eigenen Schulzeit habe ich gemerkt, da hat sich schon einiges geändert seitdem. Solche Diskussionen, das gab es bei uns früher gar nicht. Da wurde gemacht, was der Lehrer wollte. Und die Eltern haben gesagt: Ja, das wird schon richtig sein, was der sagt. Und diese ganzen Auswüchse gab es gar nicht."
So kennt man ihn eigentlich: als Regisseur am Filmset, der zuweilen auch selbst die Kamera in der Hand hat. Bei seiner erfolgreichen Fußballdokumentation "Deutschland, ein Sommermärchen" - nur einer von vielen Kassenschlagern. Vom "Bewegten Mann" bis zum "Wunder von Bern": Sönke Wortmann hat ein besonderes Händchen für die Mischung aus komödienhafter Leichtigkeit und einfühlsamen menschlichen Drama. Genau das beweist er jetzt am Theater - es ist seine dritte Theaterarbeit. Mit Fingerspitzengefühl führt er ein exzellentes Ensemble.
Sönke Wortmann
"Es hat einen großen gemeinsamen Nenner: die Schauspielerarbeit. Wenn man sich hier nicht jeden Tag damit beschäftigt, sich mit Kamerawinkeln, Kostümen oder irgendwelchen Schnitten auseinanderzusetzen, wenn das richtig reine pure Schauspielerarbeit ist, dann ist das quasi wie ein Trainingslager für mich. Ich lerne da auch sehr viel."
Der Elternabend wird zum Elternkrieg. Es zählt nur eins in der heutigen Klassen-Gesellschaft: dass es der Nachwuchs aufs Gymnasium schafft.
Szene aus "Frau Müller muss weg"
"Ich bin Lesepatin. Ich habe jeden Scheiß gemacht, um hier anzukommen."
"Ja doch, Liebling."
"Du sollst nicht mit mir reden, als ob ich schwachsinnig wäre."
"Ich versuche hier gerade etwas zu klären, das könnt ihr nicht beurteilen."
"Weil wir Ossis sind? Die Wessis reden und die Ossis halten die Schnauze, oder was?"
"Ist das ein Arbeiter- und Bauern-Spätschaden auf der Genkarte, oder woher kommt das?"
Ein großartiges Stück: Wenn am Ende die entsorgte Lehrerin ihr Comeback feiert, steigert sich der Elternabend zum Fiasko: Ein Glück, dass die Realität nicht immer so ist.
Sönke Wortmann
"Wir sind mit unserer Klassenlehrerin ganz zufrieden. Da entstehen gewisse Konflikte nicht. Ich glaube, dass die Gymnasialempfehlung bei uns passieren wird."
"Frau Müller muss weg" ist eine wunderbare, nur allzu wahre Farce über den Klassen-Kampf, den Eltern an Schulen austragen - köstlich inszeniert von einem der Besten am Regiepult.
Autor: Norbert Kron
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_02_02/soenke_wortmann_am.html