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Es ging nicht wirklich um die großen Stars: Der eigentliche Sieger der Berlinale ist der Nachwuchs. Filmexperte Knut Elstermann über junge Talente, den Glamour von Cannes und sadistische Thriller.
Man möchte in diesem Jahr nicht nur den Bären-Gewinnern gratulieren, sondern auch einer Jury, die mit sicherem Gespür die Perlen im Wettbewerb aufspürte und damit für einen seltenen Konsens sorgte. Der Goldene Bär ging an "Honig" von Semih Kaplanoglu, eine türkisch-deutsche Koproduktion. Der Film war der eindeutige Favorit in fast allen Kritiker-Umfragen. Die berührende Vater-Sohn-Geschichte überzeugte mit großer Intensität und Innigkeit, mit der die familiären Verhältnisse in der ländlichen Türkei geschildert wurden. Semih Kaplanoglu vollendete damit seine poetische Trilogie über das Reifen eines dichterischen Talents.
Mit Silbernen Bären wurden die beiden Darsteller des russischen Beitrages "Wie ich diesen Sommer beendete" von Alexei Popogrebsky geehrt. Grigory Dobrygin und Sergej Puskepalis gestalten eindringlich das konfliktreiche Verhältnis zweier Männer auf einer einsamen Wetterstation, ein großes, psychologisch fein lotendes Drama, glänzend fotografiert. Sehr zu Recht erhielt der Kameramann Pavel Kostomarov ebenfalls einen Silbernen Bären.
Mit dem Großen Preis der Jury wurde der rumänische Beitrag "Wenn ich pfeifen will, dann pfeife ich" von Florin Serban bedacht. In diesem Gefängnisfilm erzielt der Regisseur einen erstaunlichen Realismus, nicht zuletzt, weil er monatelang mit echten Insassen gearbeitet hatte. Die Bären für Russland und Rumänien gehören zu den schönsten Erfolgen dieser Berlinale, Osteuropa meldete sich mit gehaltvollen Filmen in Berlin zurück.
Den Silbernen Bären für die beste Regie sprach die Jury Roman Polanski für seinen gediegenen Polit-Thriller "The Ghostwriter" zu und ehrte damit den in der Schweiz unter Hausarrest stehenden Altmeister. Doch in ihrer Schwerpunktsetzung folgte die Jury unter Werner Herzog der Strategie des Festivals, möglichst viele junge Talente an sich zu binden und hervorzuheben. Da die Großen des Weltautoren-Kinos nun einmal nach Cannes und Venedig drängen, scheint der Kampf um den größten Glamour für Berlin verloren.
Umso wichtiger erscheint es, eigene Namen aufzubauen, eigene Entdeckungen zu machen, die dann dem Berliner Festival die Treue halten. Der Chinese Wang Quan´an zum Beispiel, ein Vertreter der jüngeren Filmemacher-Generation seines Landes, gewann vor drei Jahren den Goldenen Bären mit "Tuyas Hochzeit". Nun eröffnete er die diesjährige Berlinale mit seinem sensiblen und sehr stillen Drama "Apart together" um die Liebe alter Menschen und erhielt seinen zweiten Bären – diesmal in Silber für das beste Drehbuch.
Auch Jasmila Zbanic aus Bosnien-Herzogenowina hat schon einmal Gold in Berlin errungen, im Jahre 2006 für "Esmas Geheimnis". Ihr neuer, sehr genau beobachtender Film über ein moslemisches Paar im heutigen Sarajevo "Auf dem Weg" ging zwar leer aus, erzielte aber auf der Berlinale einen Achtungserfolg und bewies erneut ihr großes Talent für die individuelle Schilderung von gesellschaftlichen Traumata.
Diese Berlinale-Strategie, sich verstärkt und langfristig dem filmischen Nachwuchs zu widmen, könnte erst in einigen Jahren ganz aufgehen, dann, wenn die Bindungen gefestigt und die Begabungen gereift sind. Doch dann kann sich das Festival vielleicht noch stärker auf wichtige "Eigenprodukte" stützen und auf so überflüssige Wettbewerbs-Beiträge wie den sinnfreien, sadistischen "The Killer Inside Me" von Michael Winterbottom verzichten, der wohl nur ins Programm gekommen sein kann, weil noch eine Lücke zu füllen war.
Knut Elstermann
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/themen/dossiers/berlinale/news/news_teaser_2010/die_jungen_nach_vorn.html